"Der Wachstumsgedanke steckt schon in den Vorstellungen über uns selbst. Nur: Wie ist er dort hineingekommen? So etwas wie eine Biografie, ein selbst gestaltbarer Lebenslauf, war für Menschen vor der industriellen Revolution ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Unter vormodernen Verhältnissen herrschten göttlicher Wille und fest gefügte Ordnung. Das Leben der meisten Menschen verlief in vorgezeichneten Bahnen: Man lebt, arbeitet, heiratet und stirbt so, wie es von Geburt festgelegt ist; erst mit dem massenhaften Arbeitskräftebedarf der neu entstehenden Industrien im 19. Jahrhundert wird die Loslösung aus der Vorbestimmung möglich: Die Menschen werden »frei, ihre Haut zu Markte zu tragen«, wie Karl Marx gesagt hat. Erst damit werden sie verantwortlich für ihre eigene Biografie. Zu dieser Zeit entsteht auch erstmals eine Pädagogik, die von der Vorstellung getragen ist, dass die »Anlagen« der Kinder unter bestimmten Bedingungen besser oder schlechter »entwickelt« werden können. Der Mensch ist jetzt nicht mehr, wie er eben ist, sondern kann etwas aus sich machen. Er wird seines Glückes Schmied. Er kann sich bilden, sich entfalten, etwas erreichen. Ich wachse, also bin ich."

Posted: January 8, 2012 • 10:48 PM
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